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  • Harald Müller

Streuner - das überraschende Weihnachtsgeschenk



Die Sonne warf ihre letzten Strahlen durch das Fenster und kitzelte Nadines Gesicht, die an ihrem Laptop arbeitete. Nadine war Schriftstellerin und schrieb Romane aus dem Bereich der Phantastik. Sie liebte ihre Tätigkeit, denn Schreiben war ihre große Leidenschaft, wenngleich es eine brotlose Kunst war.Der Vorteil war, dass sie zuhause arbeiten konnte. Das kam ihrem schüchternen Wesen entgegen, denn Nadine fühlte sich in der Gesellschaft von anderen Menschen stets unwohl. Sie errötete sogar, wenn sie angesprochen wurde.

Da der Tag zu Ende ging und Nadine mit ihrem Roman gut vorangekommen war, klappte sie den Laptop zu. Es war Vorweihnachtszeit, und Nadine freute sich auf den Weihnachtsmarkt. Sie mochte die Weihnachtszeit und liebte den Zauber, der von Weihnachtsmärkten ausging. Die Düfte, die Leckereien und die Weihnachtslieder, die von allen Seiten erklangen, lockten sie aus ihrer Wohnung. Doch die Vorstellung von den Menschenmassen, die sich an den Ständen vorbeidrängten, ließ sie kurz zögern. Schon als Kind war Nadine ausgesprochen schüchtern. Dabei gab es dafür überhaupt keinen Grund, denn Nadine war hübsch und klug. Ihre Romane, die sie unter einem Pseudonym schrieb, kamen beim Leser gut an. Die junge Frau wusste selbst nicht, warum sie so schüchtern war. Anfangs hatte Nadine versucht, dagegen anzukämpfen, doch dann wurde ihr die Anstrengung zu groß. Sobald sich ihr jemand näherte, verspürte sie den unwiderstehlichen Drang, einfach fortzugehen. Als Jugendliche hatte sie nur eine einzige Freundin, und diese Freundin teilte ihre Zurückhaltung. Doch dann verliebte sich die Freundin und begann, mit ihrem Freund Partys zu besuchen, und versuchte Nadine davon zu überzeugen, wie wichtig und wertvoll Kontakte zu den anderen Menschen wären. Doch das blieb letztlich erfolglos. Schließlich verloren sich beide aus den Augen. Gerade weil Nadine so schüchtern war, meinte sie, nicht zu den anderen dazuzugehören, und fühlte sich als Außenseiterin. Als sich dann noch ihre Kollegen über ihr ständiges Erröten lustig machten, war sie dankbar, nur noch selten an Besprechungen in dem Verlagshaus teilnehmen zu müssen.

Aber heute wollte Nadine den Weihnachtsmarkt besuchen und sich dabei von ihrer Schüchternheit nicht abhalten lassen. Ohne sich zu schminken, verließ sie die Wohnung. Schon von Ferne hörte sie „Oh, du Fröhliche“. Der Duft von gebrannten Mandeln, Glühwein und Bratwurst stieg ihr in die Nase. Ein leichtes Frösteln ließ Nadine erzittern, als sie die vielen Menschen sah, die vergnügt an den Buden vorbeischlenderten. In dieser Menge war es für sie einfach, unsichtbar zu bleiben. Anonym verschwand sie in der Menschenmasse. Nadine schaute sich die unterschiedlichen Waren an, die angeboten wurden, vermied dabei aber jeden Augenkontakt zu den Leuten. Nachdem Nadine die Hälfte des Marktes gesehen hatte, wurde sie hungrig und beschloss, eine Bratwurst zu essen. Vor der Würstchenbude standen Holztische mit Bänken. Am Ende einer Bank nahm sie mit ihrer Wurst in der Hand Platz

Gerade als Nadine herzhaft in die Wurst gebissen hatte, bemerkte sie etwas an ihrem Bein und sah hinunter. Ein verwahrloster Hund schaute sie bittend an. Etwas in den Augen des Hundes ließ sie verharren. Für einen kurzen Augenblick glaubte sie, darin die Sterne funkeln zu sehen. Nadine sah sich hilfesuchend um, denn das Tier musste schließlich jemandem gehören. Aber niemand schien den kleinen Hund zu vermissen.

Schon eilte der Betreiber der Würstchenbude herbei. Sofort versteckte sich der Hund unter dem Tisch.

„Verdammter Streuner“, schimpfte der Mann. „Der Köter lauert hier schon seit Tagen herum und belästigt meine Gäste.“ Nadine lächelte nur. „Mich stört er nicht.“

Gerade als der Mann das Tier unter dem Tisch suchen wollte, rief ihn jemand an seinem Stand zurück. Sogleich tauchte der Hund wieder neben Nadine auf. Mit einem Schmunzeln gab sie ihm ein Stück ihrer Wurst. „Hier, Kleiner, friss!“ Der Hund schien zufrieden. Nachdem er die Wurst verschlungen hatte, schaute er die junge Frau gleich wieder an. Diesmal zeigten seine Augen aber keine Gier nach einem weiteren Stück Wurst, sondern Dankbarkeit leuchtete aus seinen Augen. Der Hund schien ihr zu vertrauen. Niemand sonst an dem Tisch oder in der Umgebung schenkte dem Hund Aufmerksamkeit. Nur Nadine konnte ihren Blick nicht von ihm lösen. Der Streuner hatte irgendetwas Besonders an sich. Führte der Kleine auch ein Dasein in Einsamkeit? Die Antwort spiegelte sich in den feuchten Hundeaugen wider. Plötzlich fühlte Nadine sich unbehaglich und stand auf, um wieder nach Hause zu gehen. Der Hund folgte ihr.

Die junge Frau wusste nicht, was sie tun sollte. Das Tier verscheuchen? Es musste doch zu jemandem gehören. Aber sie gehörte ja auch zu niemandem. In ihre Gedanken versunken, erreichte sie das Haus, in dem sich ihre Wohnung befand. Sie öffnete die Tür, ging die Treppe hinauf und wusste, dass der Hund hinter ihr herging. Als Nadine ihre Wohnung betrat, schaute sie sich um. „Hier ist dein neues Zuhause.“

Als Nadine den Satz ausgesprochen hatte, lief der Hund ins Wohnzimmer und wedelte fröhlich mit dem Schwanz. Er beschnüffelte die Möbel und rollte sich dann vor der Heizung zusammen.

Erstaunt betrachtete Nadine ihren Gast. Sein langes Fell war schmutzig und vollkommen verwahrlost. Die kleinen, aufrechtstehenden Ohren waren kaum zu sehen. Nur die schwarz glänzende Nase schimmerte aus dem verfilzten Haufen hervor. Der Streuner lag entspannt da, während Nadine sich weniger entspannt fühlte. Vielleicht war das Tier krank oder hatte Würmer oder Flöhe. Sie erinnerte sich an Stephen Kings Buch „Cujo“, in dem ein Hund die Tollwut über die Menschen brachte. Allerdings sah der Hund nicht so aus als ob er die Tollwut hätte, und machte einen gesunden Eindruck. Was sollte sie nun unternehmen? Das Tierheim anrufen? Dort würde man den Kleinen einsperren, bis sich jemand erbarmte, ihn aufzunehmen. Irgendetwas hinderte sie daran, das Tierheim anzurufen. Stattdessen fragte sie sich, ob der Supermarkt noch offen war und wo dort Tierfutter stand.

Nadine entschloss sich, das gleich einmal herauszufinden. Doch konnte sie es riskieren, den Hund allein in ihrer Wohnung zu lassen? Sie ging zu ihm hin und streichelte ihn zum ersten Mal. Das Tier öffnete kurz die Augen, um sie gleich darauf wieder zu schließen. Der kleine Strolch sah müde aus. „Ich gehe schnell etwas für dich einkaufen.“, sagte Nadine und verließ die Wohnung.

Ohne lange zu suchen, fand Nadine das Hundefutter. Der Verkäufer an der Kasse musterte sie überrascht, aber Nadine errötete nicht einmal. Wieder in der Wohnung zurück, sank Nadine auf ihr Sofa und betrachtete den schlafenden Hund. Der Anblick beruhigte sie. Dann setzte sie sich an den Laptop und schrieb an ihrem Roman weiter. Nach kurzer Zeit bemerkte sie, dass der Hund Anstalten machte, aufzustehen. Genüsslich streckte er sich, ging zur Tür und bellte einmal kurz.

„Natürlich.“, dachte Nadine, „der Kleine muss sein Geschäft erledigen.“ Plötzlich fiel ihr ein, dass der Hund kein Halsband trug und sie auch keine Leine hatte. In der Hoffnung, dass wenig Verkehr auf der Straße war, entschloss sich Nadine, mit dem Hund in den nahen Park zu gehen. Ihr tierischer Begleiter lief artig neben ihr.

Im Park traf Nadine eine ältere Dame, die sie vom Bäcker kannte, mit der sie aber bisher noch nie ein Wort gesprochen hatte. Die alte Dame führte einen Pudel an der Leine. „Oh, Sie haben jetzt auch einen Hund.“, begann die Frau das Gespräch. „Wie heißt er denn?“ Ohne groß nachzudenken, antwortete Nadine: „Streuner“.

Streuner schaute zu ihr auf und wedelte mit dem Schwanz.

„Das ist ja ein liebes Kerlchen.“, stellte die Dame fest. „Aber Sie sollten mit ihm vielleicht einmal zum Hundefriseur gehen! Nach meiner Erfahrung fühlen sich die Tiere nicht sonderlich wohl, wenn sie langes Fell haben. Ich gebe ihnen gern die Telefonnummer meines Hundefriseurs.“

„Das ist sehr freundlich von Ihnen.“, bedankte sich Nadine und dachte sogleich daran, dass ihre Mutter Friseurin gewesen war, sie früh in der Kunst des Haareschneidens eingewiesen hatte und, nachdem sie in Rente gegangen war, ihr allerlei Utensilien geschenkt hatte. Die Dame und Nadine sprachen noch eine Weile über Hunde, bis jede ihrer Wege ging.

Streuner schien zufrieden und rollte sich gleich wieder vor der Heizung zusammen. Nadine suchte die Schneidewerkzeuge ihrer Mutter heraus. Als Jugendliche hatte sie oft Verwandten und Freunden die Haare geschnitten und war dabei immer sehr gelobt worden. Allerdings waren die Opfer damals zum Stillsitzen und Schweigen verdonnert worden. Konnte sie das auch von Streuner erwarten?

„Du brauchst keine Angst zu haben!“, flüsterte Nadine. „Ich möchte dich nur von diesen zotteligen, verfilzten Haaren befreien. Anschließend wird gebadet. Du wirst sehen, dass du dich dann viel besser fühlst.“ Streuner ließ erstaunlicherweise die ganze Prozedur des Scherens, Waschens und Föhnens ohne Gegenwehr über sich ergehen. Als Nadine ihn danach anschaute, konnte sie selbst nicht glauben, was sie sah. Streuner hatte hellbraunes Fell und sah ganz entzückend aus. Spontan hob sie ihn auf ihren Schoß und knuddelte ihn.


Zwei Wochen später begleitete Nadine ein bildschöner, braver und selbstbewusster Hund mit einem roten Halsband und passender Leine zu dem Weihnachtsmarkt, auf dem sie Streuner zum ersten Mal gesehen hatte. Nachdem sie Streuner geschoren hatte, hatte sie sich auch selbst einen Friseurbesuch gegönnt. Dieses Mal hatte Nadine sich geschminkt. Unterwegs musste sie immer wieder stehenbleiben, um mit Nachbarn, die sie mittlerweile kennengelernt hatte, munter zu plaudern. Die Kinder freuten sich, wenn sie Streuner sahen, denn er war sehr kinderlieb. Nadine ging mit Streuner zu dem Würstchenstand. Sie war sich sicher, dass niemand in Streuner den ehemaligen Straßenhund erkennen würde. „Na, Lust auf eine Wurst?“, fragte sie Streuner, der fröhlich mit dem Schwanz wedelte. Plötzlich tauchte ein Mann neben Nadine auf, der an der Leine einen Hund führte, der wie Streuner aussah. Streuners Interesse war augenblicklich geweckt. Zuerst beschnüffelten sich die beiden Hunde und spielten dann fröhlich miteinander.

„Na, die beiden wären ja eine hübsche Mischung“, lächelte der Mann. „Ist dein Hund ein Rüde“, fragte der Mann.

„Ja“, antwortete Nadine.

„Ich habe eine Hündin. Sie heißt Susi.“ Nadine grinste.

„Darf ich Sie zu einem Glühwein einladen?“, fragte der Mann sie.

„Gerne“, antwortete Nadine.

„Ich heiße Tim“, stellte der Mann sich vor.

„Nadine“, entgegnete sie.

So tranken Nadine und Tim zusammen einen Glühwein, während ihre Hunde miteinander spielten. Nadine lächelte. Streuner war das beste Weihnachtsgeschenk, das Nadine hätte bekommen können, denn er hatte ihr Lebensmut und Selbstbewusstsein zurückgeben.

Aus Nadine und Tim wurde ein Paar, und Streuner und Susi bekamen viele Welpen. Anstelle von Phantastik-Romane schrieb Nadine jetzt Hunderomane, von denen mehrere auf die Bestsellerliste landeten.

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