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  • Harald Müller

Das Boot im Nebel


Hinter den Bergen und Tälern des Riesengebirges liegt ein verwunschener See, dessen dunkle Oberfläche wie ein schwarzes Auge aussieht. Am Ufer des Sees weidete der Schäfer Kasper seine Schafe.

Eines fernen Tages zog Kasper im späten Herbst mit der gut genährten Herde ins Tal. Bauer Kowalski, bei dem er in Dienst war, äußerte sich zufrieden über Kaspers Arbeit.

Kowalski war der reichste Bauer im ganzen Umkreis von Landeshut und hatte eine wunderschöne Tochter, die Lorena hieß. Lorena war so schön, dass alle Männer ihr hinterher starrten, wenn sie am Sonntag am Kirchweg durch die Stadt ging. Auch Kasper verliebte sich in Lorena, obwohl er genau wusste, dass er als Schäfer zu arm war, um sie zu heiraten. Es geschah, wie es kommen musste. Auch Lorena verliebte sich in Kasper. Während des kalten Winters sahen sie sich fast jeden Tag auf dem Hof ihres Vaters. Manchmal ergab sich sogar Gelegenheit, ein paar Worte zu wechseln. Der Bauer Kowalski sah diese Begegnungen allerdings gar nicht gern, denn er wollte seine Tochter im kommenden Herbst mit dem Sohn des Bürgermeisters verheiraten. Seine Tochter war darüber sehr unglücklich, denn es war überall bekannt, dass der Sohn des Bürgermeisters grob war. Er verdrehte jedem Mädchen den Kopf und war im Wirtshaus der beste Zecher

Im Gegensatz zu dem Sohn des Bürgermeisters war Kasper sanft. Er erzählte ihr von den Wundern der Wälder, von den Flüssen und auch vom Berggeist Rübezahl. Als Kasper im nächsten Sommer allein am See war, saß er abends in der Dämmerung vor seiner Hütte am See, lauschte dem Wind und betrachtete die Wolken, die sich in dem See spiegelten. Einmal glaubte er sogar, dass er Lorena als Spiegelbild in dem See sehen würde.

Doch Lorena wusste sie nichts von Kaspers Träumen, denn Kasper war zu schüchtern, um ihr seine Liebe zu gestehen. Am Sommerfesttag, der am Ende des Sommers gefeiert wurde, ging Kasper in die Stadt und tanzte mit Lorena. Als er sie so im Arm hielt und spürte, wie sie sich an ihn schmiegte, fasste Kasper sich ein Herz und gestand Lorena seine Gefühle. Lorena erschrak und sagte ihm, dass sie bereits mit dem Sohn vom Bürgermeister verlobt wäre und die Hochzeit unmittelbar bevorstehen würde. Nach dem Tanz zog Lorena Kasper mit sich fort. Sie gingen ein Stück in den Wald, um allein zu sein. Erst da erzählte sie ihm, wie unglücklich sie sei, weil ihr Vater sie zwingen würde, den Sohn des Bürgermeisters zu heiraten. Eigentlich würde sie ihn lieben, auch wenn er nur ein einfacher Schäfer sei.

Am nächsten Tag wartete Lorena auf eine Gelegenheit, Kasper am See zu besuchen. Doch Kowalski fand immer eine Gelegenheit, seine Tochter im Haus festzuhalten. Lorena wurde immer stiller und trauriger, je näher der Herbst kam.

Zwei Wochen vor der Hochzeit war Lorena plötzlich verschwunden. Als sie sich auf den Weg zum See machte, donnerte es. Schwarze Wolken zogen wie ein dunkles Omen am Himmel auf. Aber Lorena kämpfte sich durch den hereinbrechenden Sturm. Sie glaubte, zwischen den Blitzen eine Schattengestalt zu erkennen, die ihr den Weg wies. Blitze und Donner jagten einander, und Lorena glaubte, die Welt ginge unter. Im Blitzlichtgewitter erkannte sie Kaspers Hütte am See. Sie eilte ihm entgegen, und sie liebten sich im strömenden Regen. Einige Tage vergingen, in denen sie sich ihrer Leidenschaft hingaben.

In der Stadt suchten alle Lorena, aber die Suche verlief ergebnislos. Niemand wusste, wo sich Lorena aufhielt. Aber Kowalski ahnte etwas und schickte den Sohn des Bürgermeisters zum See, um nach seiner Tochter zu suchen. Der Sohn des Bürgermeisters nahm ein paar Männer und sein Gewehr mit.

Kasper sah durch das Fenster, wie sich die Männer seiner Hütte näherten, und holte Lorena, die sich in der hinteren Kammer versteckt hielt. Er führte sie zum See hinunter, stieg mit ihr in ein Boot und wollte sie ans andere Ufer bringen, wo es eine geheime Höhle gab. Sie hatten bereits die Mitte des Sees erreicht, als der Sohn des Bürgermeisters und seine Männer den See erreichten. Sofort erkannte der Bürgermeistersohn sie und hob sein Gewehr. Bevor die Männer ihn zurückhalten konnten, drückte er ab. Das Echo des Schusses hallte von den Bergen tausendfach wider. Der Schuss erwischte Lorena. Kasper ruderte aus Leibeskräften weiter. Da hatte der Himmel oder der Berggeist Mitleid mit ihnen. Plötzlich stieg dichter Nebel aus dem Boden und zog sich über den ganzen See. Innerhalb weniger Augenblicke verbarg der Nebel Kasper und Lorena vor den Blicken ihrer Verfolger. Schließlich erreichten die beiden das andere Ufer. Kasper wendete das Boot und gab ihm einen Stoß, dass es langsam zurücktrieb. So schnell er konnte, trug er die verletzte Lorena zu der Höhle und versteckte sich dort mit ihr.

Die Männer hockten indessen am Ufer und warteten. Nach einiger Zeit lichtete sich der Nebel, als wäre er nie dagewesen, und gab den Blick auf ein dahintreibendes Boot frei. Wie von Geisterhand fuhr das Boot zur Mitte des Sees, obwohl kein Ruderer zu sehen war. Dann nahm der Nebel wieder zu. Wie eine Mahnung an die Untat glitt das verlassene Boot über den stillen dunklen See. Die Männer packte die Angst vor der Strafe des Berggeistes für den begangenen Mord. Wie von Furien gehetzt, rannten sie in die Stadt zurück und berichteten von der unglücklichen Geschichte.

Lorena war so schwer getroffen, dass sie in Kaspers Armen starb. Tagelang saß er noch bei ihr. Er konnte nicht glauben, dass seine geliebte Lorena nun wirklich tot war. Schließlich begrub er sie unweit der Höhle.

Als Kasper wieder ans andere Ufer zurückkehrte, war sein Haar schlohweiß. Seit dem Ereignis sprach er mit niemandem mehr. Wenn jemand kam, flüchtete er ins Boot und ruderte in die Mitte des Sees, wo ihn der Nebel verhüllte. Er hatte sich vollkommen von der Welt abgewandt.

Eines Tages fand man seine Leiche in seinem Boot, das herrenlos auf dem Wasser trieb. An der Stelle, wo Kasper Lorena beerdigt hatte, wuchsen weiße Rosen, die in der Gegend eigentlich gar nicht vorkamen. Seither wurde der dunkle See von den Menschen gemieden.

Auch heute noch sehen manche Wanderer an nebelverhangenen Tagen ein einsames Boot auf dem See dahingleiten.

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