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  • Harald Müller

Geschichte zum Literatur-Wettbewerb "Goldene Blume"

Die goldene Blume der Erinnerung

Am Rande eines großen, dunklen Waldes lebte einst ein Mann, der die Natur lebte. Den ganzen Tag verbrachte er auf dem Feld oder in seinem Garten. Da er weitab von den Städten lebte, bekam er nur selten Besuch. Das war ihm aber ganz recht, denn der Mann liebte die Einsamkeit. Eines fernen Tages klopfte es an die Tür, und der Mann öffnete. Vor der Tür stand jemand, der wie ein Zauberer aussah. Er trug eine blaue Kutte und einen großen Hut. Der Zauberer bat um ein Nachtlager, da es draußen regnete und die Nacht hereinbrach. Was er ihm dafür bieten könne, fragte der einsame Mann misstrauisch. „Ich habe kein Geld“, antwortete der Zauberer, „aber dafür eine richtige Antwort auf jede Frage, die du mir stellst. Ich kenne alle Antworten auf alle Fragen." Der Mann lachte und glaubte dem Zauberer kein Wort. Da es schön spät vor, bat er den Zauberer dennoch herein. Schließlich konnte er den Zauberer in der Nacht nicht draußen stehen lassen. Der einsame Mann war kein Unmensch. „Hast du denn keine Frage, die dich quält? Keine Frage ist mir zu schwierig.“ Der Zauberer ließ nicht locker. „Du nimmst den Mund ganz schön voll!“ Der Mann kratzte sich den Bart, während der Zauberer es sich bequem machte. „Ich habe schon seit langem eine Frage, aber die wirst auch du mir nicht beantworten können. Vor langer Zeit habe ich etwas ganz Wichtiges vergessen, etwas, das meinem Leben erst richtig Sinn gegeben hat. Aber so sehr ich mich bemühe, es will mir beim besten Willen nicht mehr einfallen. Was kann das wohl gewesen sein?“ Da zog der Zauberer die Stirn in Falten. „Das ist in der Tat eine schwierige Frage. Lass mich eine Nacht darüber schlafen. Dann werde ich versuchen, dir eine Antwort zu geben. Ich will morgen ganz früh aufstehen, damit ich den Wald in einem Tag durchqueren kann.“ Am nächsten Morgen weckte der Mann den Zauberer und bat um die Antwort auf seine Frage. Sein Gast gähnte verschlafen und zeigte ihm ein Samenkorn: „Ich habe darüber nachgedacht und das Schicksal gebeten, dass es die Antwort in dieses Samenkorn legt. Setze es ein und hege es gut. Übers Jahr wird eine Blume daraus erwachsen. Wenn die Blume Früchte trägt, wirst du die Antwort wissen. Dann komme ich zurück und nehme mir ein neues Samenkorn wieder mit.“ Der Mann sah das Samenkorn in der Hand des Zauberers. Das Samenkorn schillerte golden und glänzte wie eine Träne, die von der Sonne in die Hand des Zauberers gefallen war. Da wusste der Mann, dass es eine besondere Blume werden würde. So versprach dem Zauberer, das Samenkorn am besten Plätzchen in seinem Garten auszusäen. „Sehr gut!“, lobte der Zauberer, „Wenn es Frühjahr wird, besuche ich dich wieder, und du wirst die Antwort wissen. Darauf gebe ich dir mein Wort.“ „Dann wirst du als Dank ein Samenkorn der Blume bekommen. Darauf gebe ich dir meins!“, erwiderte der Mann. Sie reichten einander die Hände, um den Pakt zu besiegeln. Der Mann pflanzte den Samen ein. Jeden Abend, wenn er von der Feldarbeit am Feld zurückkam, goss er fürsorglich die Erde, in der der Samen schlummerte. Die Zeit verging, und der Sommer nahte, aber nichts geschah. Der Mann wunderte sich und fragte sich, ob er etwas falsch gemacht habe. Plötzlich erinnerte er sich an ein altes Lied ein, das man für Kinder sang, die wachsen sollten. Summend sang er das Lied in seinem Garten. Das Wunder geschah. Am nächsten Tag drang ein goldenes Blatt an die Oberfläche. Der Mann freute sich sehr und beschloss, der Blume jeden Tag ein Lied vorzusingen, auf dass die Blume gut wachse. Jeden Abend fiel ihm ein neues Lied ein, das er schon lange nicht mehr gehört oder selbst gesungen hatte. Manchmal war es eine traurige Melodie, manchmal eine lustige. Doch immer war der Mann glücklich, die Lieder singen zu können. Mit jedem Lied wuchs die Blume ein Stückchen mehr. Ihre Blätter strahlten wie pures Gold. Nie zuvor hatte der Mann eine solche Pflanze gesehen. Monate zogen ins Land, und der Herbst brach an. Die Blume blühte jeden Tag. Der Mann fuhr die Ernte ein und untersuchte die Blume jeden Abend genau, ob er nicht schon Früchte tragen würde. Aber die goldene Blume wollte keine Früchte tragen. Der Mann seufzte und sagte sich, dass es wohl daran liege, dass sie erst so spät im Frühjahr gewachsen sei und noch Zeit brauche. So sang er weiter jeden Abend seine Lieder, oft bis tief in die Nacht. Schließlich fiel der erste Schnee, und es wurde bitterkalt. Die Blume erstrahlte weiterhin golden, aber trug noch keine Frucht. Der Mann zündete ein Feuer an, um die Blume warm zu halten. Er traute sich nicht, die goldene Blume in einen Topf zu pflanzen, und ließ sie dort, er sie eingepflanzt hatte. Frierend stand er vor der Blume und sang weiterhin jeden Abend seine Lieder. Nach ein paar Wochen wurde er jedoch sehr krank und war zu schwach, um vor die Tür zu gehen. Als er endlich gesund wurde, war der Schnee schon geschmolzen. Eilig sah er nach der goldenen Blume. Die goldenen Blätter waren durch den Schnee abgeknickt und von den Rehen gefressen worden. Nur noch ein kümmerlicher Rest steckte abgestorben in der Erde, der schwach golden glomm. Da weinte der Mann bitterlich und sang mit lauter Stimme ein uraltes Klagelied. Den ganzen Abend sang er dieses Lied, Tränen liefen über seine Wangen. Als er geendet hatte, fiel ihm ein, wann er das Lied das letzte Mal gesungen hatte. Und noch viel mehr fiel ihm ein. Das war es gewesen, woran er sich vor Schmerz so lange nicht mehr hatte erinnern können. Einst war der Mann ein berühmter Sänger gewesen und hatte die schönste Frau der Stadt geheiratet. Sie hatten sich sehr geliebt. Aber die Frau war ein Jahr später bei der Geburt ihres ersten Kindes gestorben. Sein Kind hatte die Geburt ebenfalls nicht überlebt. An ihrem Grab sang er das Klagelied und schwor sich, nie wieder vor anderen Leuten zu singen. Voller Trauer verließ der Mann die Stadt und ging in den Wald, um dort zu sterben. Nachdem er sich ins Moos gelegt hatte, schlief er ein und wachte erst nach Tagen auf, als es regnete und ihm die Regentropfen über das Gesicht liefen. Er setzte sich verwundert auf und wusste nicht, wer er war und wie er in den Wald gekommen war. Am anderen Ende des Waldes baute er sich ein Haus, in dem er seitdem lebte und sein einsames Dasein fristete. Als ihm das alles wieder eingefallen war, schwieg der Mann. Er suchte einen Stein und meißelte den Namen seiner Frau hinein. Als er die trockenen Zweige zum Kompost werfen wollte, fiel ihm auf, dass sich auf einem Zweig eine einzelne kleine Knospe befand, und in ihr ein schillerndes, goldenes Samenkorn. Mit Einbruch des Frühlings besuchte ihn der alte Zauberer, den der Mann traurig begrüßte. „Hier hast du dein Samenkorn. Es ist das einzige, das mir von der goldenen Blume geblieben ist.“ Der Mann erzählte dem Zauberer, was alles geschehen war. Aufmerksam hörte der Zauberer zu. „Alles, was ich geliebt habe, habe ich verloren. Nichts, was mir wichtig war, ist noch bei mir. Hätte ich dich doch nie nach dem gefragt, was ich vergessen hatte,“ schluchzte der Mann und vergrub das Gesicht in seinen Händen. „Du hast dein Wort gehalten, dafür danke ich dir. Aber hast du nicht gesehen“, fragte der Zauberer, „dass deine Blumen im Garten strahlend und schön blühen?“ Der Mann sah ihn verwundert an. In der Tat blühten alle Blumen in seinem Garten, der farbenprächtiger nicht sein konnte. „Siehst du“, sprach der Zauberer, „es bleibt immer etwas von der Liebe. Sie überträgt sich auf alles um uns herum. Wenn man dich genau ansieht, könnte man meinen, dass deine Gesichtszüge lebendiger geworden sind. Sing weiter, wie du es bei der Blume gemacht hast, und erfreue die Welt und dich!“ Der Mann tat das, und seine Lieder ließen die Blumen blühen. Die Gefühle, die aus seinen Liedern klangen, drangen in die Herzen seiner Zuhörer.

Die Geschichte habe ich extra für den Wettbewerb geschrieben. Im Mai 2018 wird der Preis verliehen. Nominiert ist die Geschichte schon!

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