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  • Harald Müller

Der Zug ins Niemandsland

Donnernd schießt der Zug in den Tunnel und taucht in das dunkle Niemandsland zwischen zwei Stationen ein. Das monotone Rütteln der Wagen schüttelt die Fahrgäste durch, als ob der Zug nicht auf Schienen, sondern auf Pflastersteinen fahren würde. Körper drängen sich dicht an Körper. Der Körperkontakt ist unvermeidlich. Mit leerem Blick starrt sie auf ihre Hände. Ihre schmalen feingliedrigen Finger, die ineinander verkrampft in ihrem Schoß liegen, zittern wie Espenlaub. Sie kann das Zittern nicht unterdrücken, so sehr sie es auch versucht. Stromschläge durchzucken ihren Körper. Zumindest fühlt sie sich so.

Nach einer gefühlten Ewigkeit hebt sie langsam den Kopf und blickt aus dem Zugfenster. Die reflektierende Scheibe wirft ihr leichenblasses Gesicht zurück, umrahmt vom dunklen Nichts des Tunnels. Als sie ihr Spiegelbild sieht, erschreckt sie. Warum kann es niemand sehen, fragt sie sich voller Verzweiflung, als sie ihr makelloses Äußeres mit der unvoreingenommenen Distanz eines Fremden betrachtet. Ihr rechtes Auge ist blau, und ihre Lippen teilweise aufgesprungen. Dunkelrote Kratzer zieren ihre Wangen, die wie feine Äderchen durch die anmutige Blässe ihrer Wangen verlaufen. Die Zeichen sind eindeutig, eine stumme Anklage und ein lautloses Flehen um Hilfe. Hilfe kommt aber nicht. Niemand nimmt sie wahr. Sie ist allein in der Masse. Er hatte es gut verborgen. Die ganzen verfluchten Jahre über hatte er es immer verborgen. Kein Außenstehender hätte auch nur ahnen können, was er ihr angetan hatte. Sie wendet den Blick ab und zwingt sich zur Ruhe. Sie atmet ruhig und gleichmäßig. Ein und aus, ein und aus. Das Zittern lässt langsam nach. Der Zug verlangsamt seine Fahrt. Ächzend hält er an der nächsten Haltestelle. Zischend öffnen sich die Türen. Die Gäste strömen auf den schmutzig-grauen Bahnsteig. Irgendwo flackert blaues Licht wie von einem Krankenwagen. Neue Passagiere drängen in das Abteil, die für Dauer ihrer Reise zu einer unangenehmen Nähe gezwungen sind. Sie ist wieder eingequetscht in der Masse. Vorsichtig sieht sie sich um. Sind sie bereits hinter ihr her? War das überhaupt vorstellbar? Ein junger Mann in Anzug und Krawatte lässt sich auf dem freigewordenen Platz neben ihr nieder. Sein eleganter Mantel streift ihren Ärmel. Bei der flüchtigen Berührung zuckt sie unwillkürlich zusammen. Er wirft ihr einen überraschten Blick zu, bevor er kaum merklich von ihr abrückt und sich der Lektüre seines abgegriffenen Taschenbuches mit dem Titel „Kinder des Himmels“ widmet. Sie lacht. Wie Kinder des Himmels sehen die Menschen hier nicht aus. Sie ist am allerwenigsten ein Kind des Himmels. Im Gegenteil. Verdammt noch mal, bleib ruhig, versucht sie sich zu beruhigen.

Um Gottes Willen, ich darf nicht auffallen. Nur wenn ich unsichtbar bleibe, habe ich vielleicht eine Chance. Sie sinkt in sich zusammen und gibt sich wieder ihren quälenden Gedanken hin, die in ihrem Kopf Achterbahn fahren. Aber sie kann sich nicht dagegen wehren. „Ich würde dir doch niemals wehtun, Kleines", hörte sie ihn mit sanfter Stimme sagen, während er dieses kalte Lächeln auflegte, das sein Gesicht zu einer dämonischen Fratze verzerrte und seine Worte Lügen strafte. Die Wunden, die er ihr zugefügt hatte, saßen tief unter der Oberfläche und waren nicht erkennbar. Die U-Bahn setzt unbeirrbar ihren Weg fort. Ratternd rast sie von Station zu Station. Tunnel gehen und kommen. Die Distanz zum Ort des Grauens wird von Station zur Station größer. Doch die schrecklichen Bilder, die vor ihrem geistigen Auge auftauchen, lassen nicht nach. Vor diesen Bildern kann sie nicht fliehen, egal wie sehr sie es versucht. Unaufhörlich kreisen ihre Gedanken um diese letzten Sekunden vor ihrer Befreiung, die ihr Leben auf so brutale Weise verändert haben. Das gleißende Neonlicht der nächsten Station verwandelt die Gesichter der Fahrgäste in ausdruckslose Masken. Die Tür öffnet sich. Menschen steigen hastig aus und streben schnellen Schrittes ihrem wohl geordneten Leben entgegen. Eine junge Frau und sie sind allein im Zug, der sich wieder in Bewegung setzt. Die Bahn nähert sich der Stadtgrenze von Berlin. Der stetig dahinrollende Zug hat das dunkle Gewand des Tunnels gegen den schützenden Schleier der hereinbrechenden Nacht getauscht. Vereinzelt funkeln silberne Sterne verheißungsvoll in der Weite des Abendhimmels. Als sie aus dem Fenster den Himmel betrachtet, denkt sie kurz an das Buch „Kinder des Himmels“. Ob sie hier aussteigen gleichgültig? Wenn es kein Ziel gibt, ist es egal, wann und wo die Fahrt endet. Die nächste Haltestelle kommt unweigerlich. Der Bahnsteig wartet still und verlassen. Im Hintergrund sieht sie wieder blaues Licht wie von einem Krankenwagen. Ein einzelner Mann lehnt an einem hell erleuchteten Süßwarenautomaten. Eifrig in ein Telefongespräch vertieft, schenkt er soeben seinem unsichtbaren Gesprächspartner ein zustimmendes Nicken, bevor er das Handy in seiner Jackentasche verschwinden lässt. Langsam nähert sich der Fremde jetzt der Wagentür und betritt das Abteil am äußersten Ende. Mit einem Ruck setzt sich der Zug wieder in Bewegung. Fast erscheint es ihr, als würde sich der Zug gegen die Weiterfahrt wehren und aufbäumen. Seine verzerrten Gesichtszüge tauchen vor ihrem inneren Auge auf, die einen Hauch von Überraschung und Unglauben tragen. Weit aufgerissene Augen starren sie hasserfüllt an. Sein Körper liegt seltsam gekrümmt auf dem cremefarbenen Teppichboden, der von Blut durchzogen ist. Etwas Glänzendes aus Metall hält sie in ihrer Hand. Sie beobachtet sich selbst, wie sie in blinder Panik aus dem Appartement stürzt. Im Treppenhaus prallt sie mit einer Nachbarin zusammen, strauchelt und stolpert schluchzend und keuchend die Treppe hinunter. Von weither vernimmt sie einen gellenden Aufschrei. Endlich erreicht sie die Straße. Sie läuft wie in dem Film „Lola rennt“ um ihr Leben. Der junge Mann am anderen Ende des Wagens hat sich unaufhaltsam näher geschoben. Eben neigt er mit gewinnendem Lächeln den Kopf zu der jungen Frau, ihrer einzigen Reisegenossin. Die beiden wechseln ein paar Worte. Die Frau beginnt nervös, in ihrer Handtasche zu wühlen. Was will er bloß von ihr? Gebannt beobachtet sie die Szene. Sie verfolgt, wie die Frau zunächst ein Schminketui, einen silberfarbenen Taschenspiegel und zum Schluss eine schwarze Brieftasche zu Tage fördert. Auf dem letzten Wegstück gibt es keine weitere Haltestelle. Bitte, lass´ ihn nur die Fahrscheine kontrollieren. Ihre trockenen Lippen formen ein stummes Stoßgebet. Natürlich hat sie keinen Fahrschein. Aber das ist im Augenblick ihr geringstes Problem. Schweiß rinnt ihren Rücken herunter, benetzt ihre Stirn und perlt von der Nasenspitze auf die Oberlippe und lässt einen salzigen Geschmack von Angst und Verzweiflung zurück. Es gibt keinen Ausweg. Sie ist in dem Zug gefangen. Die Brieftasche wird langsam geöffnet. Die junge Frau scheint nicht das zu finden, was sie sucht. Mit wachsender Hast durchwühlt sie die Brieftasche. Der junge Mann trommelt nun bereits ungeduldig mit den Fingerspitzen gegen die Lehne ihres Sitzes und wirft einen prüfenden Blick den Gang hinunter. Eine geschlechtslose Stimme aus dem knackenden Lautsprecher über ihren Köpfen verkündet die Einfahrt in die Endstation. Nur noch zwei Minuten. Zwei unendlich lange Minuten, die mit jeder ihrer schleppend verstreichenden Sekunden zu einem unüberwindlichen Berg von quälender Zeit anwachsen. Zeit, die gegen sie arbeitet. Die plötzliche, erdrückende Enge ihres unfreiwilligen Gefängnisses ist kaum noch zu ertragen. Sie muss heraus. Schließlich hält die junge Frau dem wartenden Mann eine kleine Karte entgegen. Er nimmt sie an sich und mustert das Gesicht der Frau aufmerksam, bevor er die Karte mit einem flüchtigen Lächeln zurückgibt. Mit schnellen Schritten nähert er sich jetzt ihr, seinem letzten Opfer. Schwankend erhebt sie sich von ihrem Platz und stolpert der rettenden Tür entgegen. Sie muss es schaffen, bevor er sie erreicht. „Hey, Lady stehenbleiben!“ Seine Stimme klingt freundlich und klar durch das Rauschen des Blutes in ihren Ohren. „Dürfte ich Ihren Ausweis sehen?" Er tritt jetzt ganz nah an sie heran, greift ihren Arm und dreht sie behutsam zu sich herum. Der Mann blickt ihr prüfend ins Gesicht und stutzt. In seiner linken Hand hält er sein Handy. Er senkt seine grünen Augen auf das winzige Display und starrt so konzentriert darauf, als wolle er mit seinem Blick ein Loch in das Handy einbrennen. Dann hebt er den Kopf. Der Schock der Erkenntnis malt eine tiefe Falte zwischen seine dichten, dunklen Augenbrauen. Seine Augen finden die ihren und halten sie fest, als könne er irgendwo in der Tiefe ihres Blickes die Antworten auf die unausgesprochenen Fragen finden, die sich unaufhaltsam in seinem Kopf bilden. Wie in einem offenen Buch vermag sie den Widerstreit der Gefühle in seinem sympathischen Gesicht zu lesen. Nein, man kann es niemandem ansehen, denkt sie fast schadenfroh. Keiner kann ahnen, wozu ein Mensch imstande sein kann. Nicht einmal der Betreffende selbst vermag das, bis der Mensch eines Tages die Grenze überschreitet und schließlich das Unfassbare tut. Der junge Polizist hat sie identifiziert. Sie haben ihm ein Foto von ihr geschickt. Ganz sicher. Hier also endet ihr Weg. Er schüttelt den Kopf, als wolle er seine Gedanken, die sich darin überschlagen, gewaltsam wieder an Ort und Stelle rücken. Wo sind die Handschellen? Wäre das hier ein Krimi im Fernsehen, hätte er ihr jetzt bereits Handschellen angelegt. Aber im richtigen Leben wird ein Zivilpolizist anscheinend mit einer Frau auch ohne diese albernen Hilfsmittel fertig, sogar, wenn sie eine Mörderin ist. Der Zug hält mit einem scharfen Ruck an der Endstation. Einladend öffnet sich die Tür mit einem lang anhaltenden schrillen Quietschen, das wie ein höhnisches Gelächter der Hölle klingt. Die junge Frau vom anderen Ende des Wagens hat den Zug bereits verlassen. Sie sind allein. Der Polizist zögert kurz und schaut sie eine Ewigkeit durchdringend an. „Er wird es verdient haben", sagt er nur und stößt sie aus der geöffneten Zugtür hinaus in die erlösende Weite eines menschenleeren Bahnsteigs.

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