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  • Harald Müller

Neue Horrorgeschichte, auch für den Sarturia-Wettbewerb geschrieben.

Der Lottogewinn Es war gegen acht Uhr abends, als das Telefon klingelte. Ich saß gerade am Schreibtisch und sortierte die Notizen der Gespräche, die ich im Lauf des Tages mit Klienten geführt hatte. Ich konnte mich immer noch nicht dazu durchringen, einen Computer für meine Fallnachbearbeitung zu verwenden. In dieser Beziehung war ich durchaus altmodisch. Die Seelenqualen meiner Klienten hielt ich nur auf Papier fest, das mir als das passende Medium erschien. Ich war allgemein gegen Elektronik, die die Menschen nur innerlich abstumpfte. In meiner langjährigen Berufserfahrung habe ich gelernt, dass die wesentlichen Details einer therapeutischen Sitzung ohnehin nur unzureichend dokumentiert werden können wie beispielsweise zerfahrene Gesten, unstete Blicke, die Haltung, die der Klient in dem bequemen roten Sessel einnimmt, den ich für meine Sitzungen vor ein paar Jahren gekauft habe, die emotionale Spannung, die sich im Lauf der üblichen 50 Minuten abbaut - all das habe ich in meinem schier unerschöpflichen Gedächtnis gespeichert und kann es in Sekundenbruchteilen wieder abrufen, wenn der Klient zum nächsten Termin erscheint. Ich beschloss, das Klingeln zu ignorieren und zu warten, bis das Telefon auf den Ansagetext umschaltete. Offensichtlich hatte ich vergessen, das Gerät einzuschalten. Ich hatte in der Zwischenzeit meine Konzentration beim Sortieren der Karteikarten ohnehin weitgehend verloren. Das Klingeln hörte nicht auf. So blieb mir keine Wahl – ich hob ab. "Ja, bitte?" sagte ich genervt, denn es war ein anstrengender Tag gewesen. "Gott sei Dank sind Sie da." Ich kannte die Stimme. Es war ein Mann, der seit sieben Wochen bei mir in Behandlung war. Er kam zu mir, weil er sich völlig überschuldet hatte und überzeugt war, dass die Ursache für sein Unvermögen, finanzielle Angelegenheiten zu handhaben, irgendwo in seiner Kindheit verborgen war. Er hatte mich gestern als letzter Klient besucht. Er machte den Eindruck, als ob er sehr gelöst und zufrieden mit dem Fortschritt seiner Therapie sei. Jetzt konnte ich aus seiner Stimme den Ausdruck völliger Verzweiflung hören. Von der Gelöstheit von gestern war nichts zu spüren. "Entschuldigen Sie die Störung. Ich, ähm, ich bin mir nicht sicher, ob es richtig ist, Sie überhaupt anzurufen. Ich weiß nicht, wie ich's ausdrücken soll, aber ich bin völlig in Panik. Ich weiß nicht mehr, wer ich bin und was passiert ist. Mein Gott, was mach ich nur?" Ich wartete einen Augenblick, bevor ich fragte: "Können Sie mir sagen, was geschehen ist?" Den genauen Grund des Anrufs hatte mir der Klient noch nicht genannt. „Nein, zumindest nicht hier am Telefon. Oh Gott, ich weiß nicht mehr weiter. Was mach ich nur?" Allem Anschein nach hatte der Mann eine akute Belastungsreaktion. Ich atmete tief durch. "Bitte hören Sie mir jetzt ganz genau zu. Ich habe Ihnen bei unserer ersten Sitzung die Nummer der psychiatrischen Notfallambulanz gegeben. Ich möchte, dass Sie jetzt auflegen und dann sofort dort anrufen. Die Leute dort sind sehr nett. Man wird sich sehr kompetent und menschlich um Sie kümmern." "Nein!" Er schrie förmlich ins Telefon. "Ich möchte mit Ihnen reden, und nur mit Ihnen." "Sie wissen, dass ich für solche psychischen Notfälle nicht ausgebildet bin. Ich bin kein Arzt und ich kann es nicht verantworten, wenn Sie sich in dieser Situation etwas antun." "Was sollte ich mir denn noch antun? Ich hab's mir doch schon angetan, verstehen Sie das nicht?" Aus irgendeinem Grund, der tief in unserer Verantwortung für unsere Klienten begründet ist, nehmen wir Therapeuten das Wort "Selbstmord" nur äußerst ungern in den Mund. Vielleicht haben wir auch nur einfach Angst, mit unserem Versagen konfrontiert zu werden, wenn sich einer unserer Klienten umbringt. Ich schwieg einige Sekunden, bevor ich fortfuhr. "Sie könnten vielleicht auf den Gedanken kommen, sich das Leben zu nehmen." "Mir das Leben zu nehmen?" Er lachte hysterisch. "Nein, nein, nein, alles bloß das nicht. Das Gegenteil ist der Fall, das komplette Gegenteil." Die letzten Worte flüsterte er nur noch. Ich wurde neugierig. "Kommen Sie vorbei", sagte ich. Es half alles nichts, denn ich hatte schließlich die Verantwortung für meinen Klienten. Wenn er schon nicht eine Notambulanz aufsuchen wollte, musste ich den genauen Grund erfahren. Ich war während der letzten Minuten des Gesprächs aufgestanden und sah zum Fenster hinaus. Auf dem Rasen im Garten lagen noch immer Laubreste und verdorrte Äste, die der Sturm in der vergangenen Woche von den Bäumen geweht hatte. Der Nebel war mittlerweile ziemlich dicht geworden, und auf den vertrockneten Überresten der Stauden in dem kleinen Beet vor meiner Terrasse bildete sich leichter Raureif. Ich liebe diese Jahreszeit mit ihrer frühen Dunkelheit und den nahezu lautlosen Nächten. Was ich tat, war unverantwortlich. Der Mann gehörte in die Notfallambulanz, und zwar auf schnellstem Weg. Was war passiert, das den Mann so in Panik versetzt hatte? Was war das Gegenteil von „sich das Leben nehmen“? Was hatte er getan? Ich fuhr mir mit beiden Händen durch die Haare und atmete tief ein. Bello, mein alter Hund, döste vor dem Sofa. Er war die Ruhe schlichthin und strahlte seine Gelassenheit auf meine Patienten aus. Bello und ich waren schon lange zusammen. Ungefähr eine viertel Stunde war seit dem Telefonat vergangen, als es an der Tür klingelte. Der Mann sah völlig verstört aus. Er war kreidebleich. Offensichtlich hatte er trotz der Kälte stark geschwitzt, da ihm die Haare in feuchten Strähnen ins Gesicht hingen. Er machte einen gehetzten Eindruck, sagte er kein Wort. Als er an der Treppe zum ersten Stock vorbeikam, blickte er suchend nach oben und sah dann ein paar Schritte weiter durch die offene Küchentür prüfend in den Raum. "Sind Sie sicher, dass Sie allein sind?" fragte er, als er sich im Wohnzimmer in den roten Sessel Platz genommen hatte. Ich bestätigte das und blickte ihn gleichzeitig fragend an. Er war etwa eins neunzig groß, aber so wie er jetzt eingesunken im Sessel saß, hätte man auch glauben können, er wäre von eher unterdurchschnittlicher Größe. Er schien seine gesamte Körperspannung verloren zu haben. Ich brachte ihm unaufgefordert ein Glas Wasser und sah, wie seine Hände zitterten, als er das Glas nahm. Eine Weile saßen wir uns schweigend in der klassischen Therapiekonstellation gegenüber. Als er schließlich zu reden anfing, war ich überrascht, wie brüchig seine Stimme mit einem Mal klang. "Glauben Sie an Übersinnliches?" fragte er. Bevor ich antworten konnte, sprach er mit fester Stimme weiter. "Nein, ich sollte meine Frage vielleicht präzisieren. Glauben Sie an den Teufel?" Ich ließ mir Zeit mit der Antwort und sagte schließlich: "Ich glaube nur an mich selbst.“ Die Antwort schien ihn zu überraschen. "Oh, Sie sollten", sagte er. "Bis heute Abend habe ich das auch nur als albernes Gerede abgetan, als haltlose Drohung der Kirche, um ihre Schäfchen bei der Stange zu halten, bis mir vor ungefähr einer Stunde das Schrecklichste passiert ist, was einem Menschen zustoßen kann." "Erzählen Sie's mir." Er machte eine kurze Pause, bevor er fortfuhr. "Wie Sie ja wissen, habe ich fürchterliche finanzielle Schwierigkeiten. Ich hatte meine Kreditwürdigkeit seit langen verloren, und mein Konto ist fürchterlich überzogen. Zurzeit bekomme ich kein Geld von der Bank. Als ich gestern nach unserer Sitzung nach Hause fuhr, war ich schrecklich verzweifelt. Ich hatte keine Ahnung mehr, wie ich meinen Verpflichtungen nachkommen sollte. Sie sollten wissen, ich spiele regelmäßig Lotto, jeden Mittwoch und Samstag. Ich weiß, es ist lächerlich, ich sollte das wenige Geld, das mir bleibt, nicht auch noch auch dafür verwenden. Aber es ist so eine Art Strohhalm, an den ich mich klammere. Vor jeder Ziehung denke ich mir, diesmal hast du Glück, diesmal trifft's endlich auch einmal dich. Ich schau mir die Ziehungen im Fernsehen nie an, sondern immer erst am nächsten Tag abends im Internet. So bleibt mir wenigstens die Illusion eines Gewinns einen Tag länger erhalten." "Ich verstehe", sagte ich, "aber was hat das mit dem Teufel zu tun?"

"Gestern Abend, in meiner Verzweiflung." Er stockte, bis ich ihn durch ein leichtes Nicken zum Weitersprechen aufforderte. "Ich habe einen Pakt mit dem Teufel geschlossen. Ich weiß, es klingt verrückt, aber ich war so am Ende. Also sagte ich: „Hör zu, Teufel, wenn's dich gibt, dann hilf bitte aus der Scheiße! Lass mich heute im Lotto gewinnen! Wenn ich mindestens hunderttausend gewinne, dann kannst Du meine Seele haben.“ Ich habe mir dabei gedacht, mein Gott, jetzt wirst du verrückt, du bist komplett durchgedreht." Ich sagte nichts, sondern sah ihn einfach nur prüfend an. Das Ganze klang absurd und eindeutig nach einem psychotischen Schub. Er stand auf und ging auf meinen Computer zu. "Könnten Sie bitte Ihren Rechner einschalten?" Ich drückte auf den Schalter und wartete, bis das Betriebssystem bereit war. "Darf ich mich setzen?" fragte er. Ich nickte. Während er sich ins Internet einwählte, sagte er: "Ich wusste, dass etwas passiert war. Gestern Abend, genau zu der Zeit, als die Zahlen gezogen wurden, spürte ich mit einem Mal, wie eine eisige Kälte durch meine Glieder zog." "Sie reden sich etwas ein", unterbrach ich ihn. "Was immer passiert ist, war Zufall, nichts anders." Es musste in seinen Ohren wie ein matter Erklärungsversuch geklungen haben, denn er ließ sich durch Nichts beirren. "Sehen Sie", sagte er und zeigte auf den Bildschirm. "Das ist die Website der Lottogesellschaft. Ich habe dort ein Online-Konto und bekomme alle Gewinne auf dieses Konto gutgeschrieben. Nun ja, bisher war noch nie etwas gutzuschreiben." Er sah mich eindringlich an, dann blickte er wieder auf den Bildschirm und tippte seinen Benutzernamen und das erforderliche Passwort in zwei Eingabefelder. "Bis heute." Eine neue Seite öffnete sich, die aussah wie ein Kontoauszug einer Bank. Seine Hand zitterte stark, als er auf die Zahl in der obersten Reihe zeigte. Dort war deutlich die Gewinnsumme zu lesen, 100.000 Euro. Ich hielt die Luft an und atmete dann hörbar aus. "Glauben Sie immer noch an Zufall?" fragte er und, als er weiter sprach, wurde seine Stimme mit jedem Wort schriller. "Begreifen Sie, was da steht? Ich bin meine Geldsorgen los, aber um welchen Preis?" Er schwitzte jetzt stark. "Um den Preis der Hölle! Ich habe dem Teufel meine Seele verkauft. Verstehen Sie jetzt, warum ich nicht im Traum darauf komme, mir das Leben zu nehmen? Begreifen Sie, was passiert ist?" Ich trat ans Fenster und drehte ihm den Rücken zu. Die Nebelschwaden waren jetzt so dicht, dass ich die Bäume nicht mehr sehen konnte. "Können Sie mir helfen?" fragte er leise. Ich sagte lange nichts und betrachtete sein Spiegelbild im Fenster. "So wie's aussieht, sitzen Sie ganz schön in der Klemme", sagte ich. Er zuckte zusammen, weil das offensichtlich nicht die Antwort war, die er erwartet hatte. Dann, unendlich langsam, als er anfing, zu begreifen, weiteten sich seine Augen, und er stieß einen lang gezogenen Schrei aus. "Finden Sie nicht auch, dass es hier ein wenig nach Schwefel riecht?" fragte ich, als ich mich umdrehte und langsam meine wahre Gestalt wieder annahm. Seine Karte konnte ich aus meiner Karteikarten-Sammlung entfernen.


Ich hoffe, die Geschichte gefällt Euch!

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